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Uwe Wiedemann
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6.7  Erlaubnisse

Neben den Geboten und Verboten hat PHILIPP auch Erlaubnisse analysiert. Es findet sich bei ihm das Prädikat ES(x, T(y, p, t1, t2), t3, t4), das für "Die Autorität x setzt im durch t3 und t4 begrenzten Zeitintervall dem Adressaten y die Erlaubnis, sich im durch t1 und t2 begrenzten Intervall um die Herbeiführung von p zu bemühen" [1].

Auch das Prädikat der Erlaubnissetzung scheint dem üblichen Sprachgebrauch, nach dem man jemandem erlaubt, etwas zu tun, nicht zu entsprechen. Bei PHILIPP wird nicht ein Tun, sondern ein Bemühen etwas herbeizuführen erlaubt. Daher werden wir wiederum von PHILIPPs Prädikat abweichen. Zudem werden wir kurz von Erlaubnis und nicht von Erlaubnissetzung reden.

Wir definieren (aus Sprechersicht):

Definition: (propositional hermeneutischer impliziter Erlaubnisversuch)

ESVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVp(X, Y, f, ~Pp(X, ~T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (propositional formaler impliziter Erlaubnisversuch)

ESVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVp(X, Y, f, ~Pp(X, ~T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (konklusiv formaler impliziter Erlaubnisversuch)

ESVs(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVs(X, Y, f, ~Ps(X, ~T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Folgerung: ESVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É T(X, f, [t3, t4])

Folgerung: ESVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É T(X, f, [t3, t4])

Folgerung: ESVs(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É T(X, f, [t3, t4]) SEARLE und VANDERVEKEN haben von kommissiven Akten gefordert, daß sie sich auf zukünftige Sprecherhandlungen beziehen [2]. Nun ist es zwar bei den Sprechakttheoretikern umstritten, ob Erlaubnisse die illokutionäre Negation von Verboten und mithin direktiv oder aber kommissiv sind [3]. Halten wir uns aus dieser Diskussion heraus und prüfen wir, ob sich Erlaubnisse auf die Zukunft beziehen müssen. Daß dies für die Erlaubnisversuche nicht gilt, wird schon daraus deutlich, daß der Deutsche Bundestag immer mal wieder rückwirkende Gesetze beschließt. Nun ist er sicherlich angehalten, dies nicht oder zumindest nicht allzu oft zu tun, aber es zeigt, daß es rückwirkende Erlaubnisversuche gibt.

In unserer Theorie gilt keineswegs die These

~VSVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É ESVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]),

die dem in der Normenlogik beliebten Prinzip ~Fp É Pp (Was nicht verboten ist, ist erlaubt) entspricht. Daß diese These nicht gilt, ist völlig korrekt, da nicht jeder Akt einen normativen Status hat [4].

Ebensowenig gilt die Entsprechung von ~Pp É P~p (wenn eine Handlung p nicht erlaubt ist, ist ihre Negation non-p erlaubt) [5]:

~ESVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É ESVp(X, Y, f, ~T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]),

was unmittelbar einleuchtet, da eben nicht jeder Akt f einen normativen Status hat.

PHILIPP hat neben Erlaubnissen auch die Aufhebung von Erlaubnissen analysiert [6]. Wir definieren für die Sprechersicht:

Definition: (propositional hermeneutischer impliziter Erlaubnisaufhebungsversuch)

ERVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVp(X, Y, f, ~~Pp(X, ~T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (propositional formaler impliziter Erlaubnisaufhebungsversuch)

ERVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVp(X, Y, f, ~Pp(X, ~~T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (konklusiv formaler impliziter Erlaubnisaufhebungsversuch)

ERVs(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVs(X, Y, f, ~Ps(X, ~~T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Die doppelten Negationen lassen sich keinesfalls einfach streichen. Dies liegt daran, daß wir zu den logischen Fähigkeiten des X und des Y hier nichts gefordert haben. Es müssen sehr umfangreiche und keinesfalls offensichtliche logische Fähigkeiten der beiden gefordert werden, ehe man auf die doppelten Negationen verzichten kann.

Folgerung: ERVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É T(X, f, [t3, t4])

Folgerung: ERVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É T(X, f, [t3, t4])

Folgerung: ERVs(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É T(X, f, [t3, t4])

Bei den Erlaubnissen müssen wir analog zu den Informationsversuchen, die Äußerung von der erfolgreichen Äußerung unterscheiden.

Erlaubnisse müssen nicht aufrichtig sein. Dies zeigt folgendes Beispiel:

(B-23) (Tribun)

Ein Tribun sagt, ich erlaube euch in meinem Wald das Reisig zu sammeln, befiehlt aber gleichzeitig seiner Armee, jeden zu töten, der in seinem Wald Holz sammelt.

Wir verwenden (aus Sprechersicht) folgende Definitionen:

Definition: (erfolgreicher propositionaler hermeneutischer impliziter Erlaubnisversuch)

ESVpE(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVpE(X, Y, f, ~Pp(X, ~T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (erfolgreicher propositionaler formaler impliziter Erlaubnisversuch)

ESVpE(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVpE(X, Y, f, ~Pp(X, ~T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (erfolgreicher konklusiver formaler impliziter Erlaubnisversuch)

ESVsE(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVsE(X, Y, f, ~Ps(X, ~T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (erfolgreicher propositionaler hermeneutischer impliziter Erlaubnisaufhebungsversuch)

ERVpE(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVpE(X, Y, f, ~~Pp(X, ~T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (erfolgreicher propositionaler formaler impliziter Erlaubnisaufhebungsversuch)

ERVpE(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVpE(X, Y, f, ~~Pp(X, ~T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (erfolgreicher propositionaler formaler impliziter Erlaubnisaufhebungsversuch)

ERVsE(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVsE(X, Y, f, ~~Ps(X, ~T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Auch hier lassen sich die doppelten Negationen nicht einfach streichen, da wir zu den logischen Fähigkeiten des X und des Y hier nichts gefordert haben.

Die Sprechakttheoretiker fordern als vorbereitende Bedingung von Kommissiva auch, daß der Sprecher in der Lage ist, die vom propositionalen Gehalt seiner Äußerung repräsentierte Handlung zu realisieren [7]. Wie gesagt, wir halten uns aus dem sprechakttheoretischen Streit heraus, ob Erlaubnisse kommissiv oder direktiv sind. Trotzdem wollen wir die Forderung für Erlaubnisse prüfen.

Die These ist sicherlich übertrieben, da insbesondere weder Sprecher noch Adressat wissen müssen, daß der Adressat, daß Erlaubte nicht tun kann. Dies belegt folgendes Beispiel:

(B-24) (Erlaubnis Logik zu studieren)

Stellen wir uns vor, die Eltern erlauben ihrem Kind Logik zu studieren, das Kind bekommt aber keinen Studienplatz, kann also dieses Fach nicht studieren.

Man wird in diesem Beispiel wohl trotzdem von einer Erlaubnis reden.

Das Beispiel der rückwirkend erlassenen Gesetze zeigt, daß sich auch erfolgreiche Erlaubnisse nicht zwingend auf die Zukunft beziehen müssen.

Auf der Basis der Erlaubnis und der Erlaubnisaufhebung läßt sich das Prädikat des Bestehens einer Erlaubnis definieren, das PHILIPP als Grundprädikat eingeführt hat [8]. Für eine Definition (oder besser für ein Postulat) kann der Gedanke rekonstruiert werden, daß Erlaubnisse bestehen, wenn sie erfolgreich gesetzt, aber nicht wieder erfolgreich aufgehoben wurden [9].

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[1] PHILIPP, P.: Logik deskriptiver normativer Begriffe. In: Philosophie und Logik. Frege-Kolloquien Jena 1989/1991 (ed. W. STELZNER). Berlin/New York 1993, 252
[2] SEARLE, J. R./VANDERVEKEN, D.: Foundations of Illocutionary Logic. Cambridge 1985, 60
[3] vgl. ROLF, E.: Illokutionäre Kräfte. Grundbegriffe der Illokutionslogik. Opladen 1997, 170f.
[4] vgl. PHILIPP, P.: Logik deskriptiver normativer Begriffe. In: Philosophie und Logik. Frege-Kolloquien Jena 1989/1991 (ed. W. STELZNER). Berlin/New York 1993, 254f.
[5] vgl. PHILIPP, P.: Ein System der deontischen Logik. Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Halle. Gesellschafts- und Sprachwissenschaftliche Reihe 27 (1978) 5, 19f.
[6] PHILIPP, P.: Logik deskriptiver normativer Begriffe. In: Philosophie und Logik. Frege-Kolloquien Jena 1989/1991 (ed. W. STELZNER). Berlin/New York 1993, 251
[7] vgl. z. B. ROLF, E.: Illokutionäre Kräfte. Grundbegriffe der Illokutionslogik. Opladen 1997, 164
[8] PHILIPP, P.: Logik deskriptiver normativer Begriffe. In: Philosophie und Logik. Frege-Kolloquien Jena 1989/1991 (ed. W. STELZNER). Berlin/New York 1993, 257
[9] vgl. PHILIPP, P.: Logik deskriptiver normativer Begriffe. In: Philosophie und Logik. Frege-Kolloquien Jena 1989/1991 (ed. W. STELZNER). Berlin/New York 1993, 262

 

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