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6.5  Gebote und Aufforderungen

PHILIPP hat Erlaubnisse, Verbote und Gebote untersucht. Wir wollen uns zunächst den Geboten widmen. Diese sind in vielem den Aufforderungen ähnlich, die in der an GRICE geschulten Kommunikationstheorie eine beträchtliche Rolle spielen und dort neben den Informationshandlungen analysiert werden.

Die Sprechakttheoretiker zählen sowohl Gebote als auch Aufforderungen zur Familie der Direktiva. Nach ROLF sind - auch wenn er dies nur implizit, nicht jedoch explizit vertritt, Gebote spezielle Aufforderungen [1]. Ich teile diese Auffassung.

Die Besonderheit des Gebotes ist nach ROLF [2], daß

  1. der Sprecher präsupponiert, daß das, was getan werden soll, gut für den Adressaten ist und
  2. der Sprecher eine Autoritätsperson ist.

Ob diese Differenzen korrekt sind, möchte ich hier offen lassen. Ich werde, da hier der allgemeinere Begriff vorzuliegen scheint, nur Aufforderungen betrachten und überlasse die Analyse von Geboten einer späteren Untersuchung.

Wir werden auch bei Aufforderungen Setzungen und Aufhebungen (bzw. deren Versuche) unterscheiden. Statt von Aufforderungssetzung reden wir kurz von Aufforderung.

Definition: (propositional hermeneutischer impliziter Aufforderungsversuch)

ASVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVp(X, Y, f, Pp(X, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (propositional formaler impliziter Aufforderungsversuch)

ASVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVp(X, Y, f, Pp(X, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (konklusiv formaler impliziter Aufforderungsversuch)

ASVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVs(X, Y, f, Ps(X, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Folgerung: ASVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É T(X, f, [t3, t4])

Folgerung: ASVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É T(X, f, [t3, t4])

Folgerung: ASVs(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É T(X, f, [t3, t4])

Die Definitionen beschreiben einen sehr engen Zusammenhang zwischen Aufforderungshandlungen und Informationshandlungen. Jeder Versuch einer Aufforderung ist auch ein Informationsversuch (aber nicht umgekehrt).

Damit ist das Prinzip des MEGGLEschen Paradieses, daß jede Aufforderungshandlung auch eine Informationshandlung ist [3], auch in unserer Welt, d. h. ohne irgendwelche Annahmen über die logischen Fähigkeiten der Subjekte, gültig.

MEGGLE fordert eine weitere Eigenschaft, nämlich die, daß der Sprecher glaubt, daß seine Aufforderung erfolgreich sein wird [4]. Diese Forderung scheint mir nicht haltbar, da es dem Sprecher im allgemeinen schon genügt, wenn der Hörer erkennt, daß er etwas tun soll. Dies zeigt folgendes Beispiel:

(B-21) (Aufräumen)

Eine Mutter sagt zu ihrem Kind "Räume auf!", obwohl sie weiß, daß das Kind es nicht tun wird.

Wenn der Sprecher den Hörer zu einem Tun auffordert, heißt das nicht zwingend, daß er ihn darüber zu informieren versucht, daß er ihn auffordert. Dies könnte allenfalls für offene Aufforderungshandlungen gelten [5].

(B-22) (Hans und Gretel)

Hans stellt der Gretel die dreckigen Schuhe in den Weg, weil er will, daß sie ihm die Schuhe putzt.

In diesem Beispiel liegt zwar ein Aufforderungsversuch vor, nicht aber ein Informationsversuch der genannten Art, falls Hans der Gretel seine Absichten nicht mitteilen möchte.

Das gleiche Beispiel läßt sich gegen eine allgemeine Geltung der MEGGLEschen These vortragen, daß ein Aufforderungsversuch impliziert, daß der Sprecher seine Absichten mitteilen will, daß der Hörer dies oder jenes tun soll [6].

Betrachten wir nun die Aufhebung von Aufforderungen.

Definition: (propositional hermeneutischer impliziter Aufforderungsaufhebungsversuch)

ARVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVp(X, Y, f, ~Pp(X, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (propositional formaler impliziter Aufforderungsaufhebungsversuch)

ARVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVp(X, Y, f, ~Pp(X, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (konklusiv formaler impliziter Aufforderungsaufhebungsversuch)

ARVs(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVs(X, Y, f, ~Ps(X, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Folgerung: ARVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É T(X, f, [t3, t4]).

Folgerung: ARVp(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É T(X, f, [t3, t4])

Folgerung: ARVs(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) É T(X, f, [t3, t4])

Sowohl bei der Aufforderung als auch bei der Aufforderungsaufhebung unterscheiden wir (wie bei Informationsversuchen) die Äußerung von der erfolgreichen Äußerung. Wir definieren (aus Sprechersicht):

Definition: (erfolgreicher propositional hermeneutischer impliziter Aufforderungsversuch)

ASVpE(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVpE(X, Y, f, Pp(X, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (erfolgreicher propositional formaler impliziter Aufforderungsversuch)

ASVpE(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVpE(X, Y, f, Pp(X, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (erfolgreicher konklusiv formaler impliziter Aufforderungsversuch)

ASVsE(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVsE(X, Y, f, Ps(X, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (erfolgreicher propositional hermeneutischer impliziter Aufforderungsaufhebungsversuch)

ARVpE(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVpE(X, Y, f, ~Pp(X, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (erfolgreicher propositional formaler impliziter Aufforderungsaufhebungsversuch)

ARVpE(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVpE(X, Y, f, ~Pp(X, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Definition: (erfolgreicher konklusiv formaler impliziter Aufforderungsaufhebungsversuch)

ARVsE(X, Y, f, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]) =df IVpE(X, Y, f, ~Pp(X, T(Y, g, [t1, t2]), [t3, t4]), [t3, t4])

Wir werden - entsprechend dem üblichen Sprachgebrauch - bei erfolgreichen Aufforderungsversuchen auch von Aufforderungshandlungen reden.

Nach unseren Definitionen ist jede Aufforderungshandlung eine Informationshandlung. Dies hat auch MEGGLE, jedoch mit anderer Begründung festgestellt [7].

Mir scheint bei MEGGLE auch ein umgekehrter Zusammenhang zu bestehen. In seinen Formulierungen, z. B. des GRICEschen Grundmodells, setzt MEGGLE anstelle des Tuns immer ein Glauben. Aus "S beabsichtigt mit seinem f-Tun zu erreichen, daß H die Handlung r vollzieht" wird so "S beabsichtigt mit seinem f-Tun zu erreichen, daß H glaubt, daß p" [8]. Diesen Zusammenhang formuliert MEGGLE allerdings nicht explizit, obwohl er durch seine Vorgehensweise nahegelegt wird. Das Vorgehen von MEGGLE führt zu der These, daß jede Informationshandlung eine Aufforderungshandlung (etwas zu glauben) ist.

Die Analogie ist sicherlich nicht ganz korrekt, da es sich bei f-Tun um einen Akt, beim Glauben jedoch, um eine propositionale Einstellung handelt. Von heuristischem Wert ist sie aber durchaus.

Auf der Basis der Aufforderung und der Aufforderungsaufhebung läßt sich das Prädikat des Bestehens einer Aufforderung definieren. Eine Aufforderung besteht, wenn sie erfolgreich gesetzt, aber danach nicht wieder erfolgreich aufgehoben wurde.

PHILIPP hat in späteren Arbeiten das Bestehen eines Gebotes nicht definiert, sondern den entsprechenden Begriff als Grundbegriff eingeführt [9] und die entsprechende (außerlogische) Eigenschaft postuliert [10], um so eine saubere Trennung zwischen dem zu bekommen, was beweisbar und dem was ableitbar ist [11]. Analog könnten wir bei der Analyse des Bestehens von Aufforderungen vorgehen.

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[1] vgl. ROLF, E.: Illokutionäre Kräfte. Grundbegriffe der Illokutionslogik. Opladen 1997, 178 und 181f.
[2] ROLF, E.: Illokutionäre Kräfte. Grundbegriffe der Illokutionslogik. Opladen 1997, 181f.
[3] MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 263
[4] MEGGLE, G.: Kommunikation, Bedeutung und Implikatur. Eine Skizze. In: Handlung, Kommunikation, Bedeutung (ed. G. MEGGLE), Frankfurt a. M. 1993, 489
[5] Für den offenen Fall, der allerdings bei ihm anders als bei uns bestimmt ist als bei uns, findet sich dieser Zusammenhang bei MEGGLE (MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 263)
[6] MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 263
[7] vgl. MEGGLE, G.: Kommunikation, Bedeutung und Implikatur. Eine Skizze. In: Handlung, Kommunikation, Bedeutung (ed. G. MEGGLE), Frankfurt a. M. 1993, 491
[8] MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 28
[9] PHILIPP, P.: Logik deskriptiver normativer Begriffe. In: Philosophie und Logik. Frege-Kolloquien Jena 1989/1991 (ed. W. STELZNER). Berlin/New York 1993, 257
[10] PHILIPP, P.: Logik deskriptiver normativer Begriffe. In: Philosophie und Logik. Frege-Kolloquien Jena 1989/1991 (ed. W. STELZNER). Berlin/New York 1993, 262
[11] PHILIPP, P.: Logik deskriptiver normativer Begriffe. In: Philosophie und Logik. Frege-Kolloquien Jena 1989/1991 (ed. W. STELZNER). Berlin/New York 1993, 250

 

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