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6  Weitere Kommunikationstypen

6.1  Behauptungen, Voraussagen und Verwerfungen

Wir wollen als nächstes weitere Kommunikationstypen betrachten und widmen uns zuerst den Behauptungen.

Eine Behauptung ist ein Informationsversuch, in dem der Sprecher vorgibt, daß er einen bestimmten Satz akzeptiert. Dies entspricht der Normalitätsforderung an Behauptungen bei STELZNER [1].

Definition: (propositional hermeneutischer implizite Behauptung)

IVBp(X, Y, f, M, [t1, t2]) =df IVp(X, Y, f, M, [t1, t2]) Ù Ip(X, f, Aip(Y, Aip(X, M, [t1, t2]), [t1, t2]), [t1, t2])

Definition: (propositional formale implizite Behauptung)

IVBp(X, Y, f, M, [t1, t2]) =df IVp(X, Y, f, M, [t1, t2]) Ù Ip(X, f, Aip(Y, Aip(X, M, [t1, t2]), [t1, t2]), [t1, t2])

Definition: (konklusiv formale implizite Behauptung)

IVBs(X, Y, f, M, [t1, t2]) =df IVs(X, Y, f, M, [t1, t2]) Ù Is(X, f, Ais(Y, Ais(X, M, [t1, t2]), [t1, t2]), [t1, t2])

Wir haben mehrfach das Mordindiz-Beispiel von GRICE [2] behandelt (B-5) und festgestellt, daß es sich hier um einen Informationsversuch, wenn auch weder um einen aufrichtigen, noch um einen offenen handelt. Wir sehen nun, daß es in diesem Beispiel auch um keine Behauptung geht. Vielleicht läßt sich so erklären, was GRICE darlegen will, wenn er schreibt, daß ich in diesem Beispiel mit dem Liegenlassen des Taschentuches nicht meinte, daß M der Mörder ist [3]

Davon unberührt bleibt, daß bei GRICE in diesem Fall kein Meinen vorliegt, weil die zweite Bedingung seines Grundmodells [4], also Offenheit, nicht erfüllt ist.

ROLF hat zwei weitere Bedingungen für die Behauptung gefordert [5]:

(1) das Behauptete kann auch falsch sein und (2) der Sprecher nimmt an, daß der Hörer anderer Meinung ist.

Diese Thesen stimmen nicht. So kann man durchaus - und auch erfolgreich und aufrichtig - logische Tautologien behaupten. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Hörer diese Tautologie nicht akzeptiert und sie damit auch nicht weiß. Damit ist die Bedingung (1) hinfällig.

Auch die Bedingung (2) ist unakzeptabel. Zum einen reicht es auf alle Fälle schon, wenn der Sprecher es für möglich hält, daß der Hörer anderer Meinung ist. Aber auch diese Bedingung ist zu stark. Es könnte sein, daß der Sprecher zu einem Auditorium redet und dann würde es ausreichen, daß der Sprecher für möglich hält, daß irgend ein Hörer, diesen Satz nicht akzeptiert. Selbst diese - im Vergleich zu ROLF schon viel schwächere Bedingung - ist noch zu stark, weil es genügt, daß der Sprecher den anderen informieren will, daß er den entsprechenden Satz für wahr hält (zum Beispiel weil irgend jemand im Auditorium oder in einem früheren Aufsatz usw. genau dies bestritten hat oder dies später bestreiten könnte).

Voraussagen bzw. Vorhersagen oder Prognosen sind - wie ROLF zurecht festgestellt hat - Behauptungen, deren Proposition sich auf die Zukunft beziehen [6].

Man kann den Behauptungsbegriff benutzen, um Verwerfungsprädikate einzuführen [7].

Der Begriff des Verwerfens läßt sich so definieren, daß man sagt, ein Sprecher verwirft in [t1, t2]) einen Satz M genau dann, wenn er dessen klassische Negation behauptet. Verwendet man diese Bestimmung, kommt man für die verschiedenen impliziten Behauptungsbegriffe zu unterschiedlichen Begriffen des Verwerfens.

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[1] STELZNER, W.: Epistemische Logik. Berlin 1984, 96
[2] GRICE, H. P.: Meaning. In: Studies in the Way of Words. Cambridge, Mass./London 1991, 217
[3] GRICE, H. P.: Meaning. In: Studies in the Way of Words. Cambridge, Mass./London 1991, 217
[4] hier: S beabsichtigt mit f-Tun zu erreichen, daß H erkennt, daß S mit seinem f-Tun zu erreichen beabsichtigt, daß H A glaubt
[5] ROLF, E.: Illokutionäre Kräfte. Grundbegriffe der Illokutionslogik. Opladen 1997, 142f.
[6] ROLF, E.: Illokutionäre Kräfte. Grundbegriffe der Illokutionslogik. Opladen 1997, 144f.
[7] vgl. PESCHEL, K.: Auf Satzmengen relativierte epistemische Akzeptationsprädikate. In: Philosophie und Logik. Frege-Kolloquien. Jena 1989/1991. Berlin/New York 1993, 196f.

 

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