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Uwe Wiedemann
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5.5  Erfolgreiche Informationsversuche

Informationsversuche können auf verschiedene Weise schiefgehen. AUSTIN hat die Möglichkeiten des Schiefgehens für den allgemeineren Fall performativer Äußerungen in seiner Theorie der Unglücksfälle (infelicities) klassifiziert [1]. Für unsere Belange ist insbesondere die Unterscheidung von Versagern (misfires) und Mißbräuchen (abuses) interessant [2].

Nun haben wir einen anderen Ansatz als AUSTIN. Dieser untersucht Beispiele, "... in denen etwas sagen etwas tun heißt; in denen wir etwas tun, dadurch daß wir etwas sagen oder indem wir etwas sagen." [3]

Wir untersuchen jedoch - wie MEGGLE - gerade Fälle in denen wir etwas sagen, indem wir etwas tun. Trotz dieser Differenz können merkwürdigerweise sowohl AUSTIN als auch wir die Beispiele in Anspruch nehmen. Das liegt an einer Eigenschaft des Sagens: es ist ein Tun, wenn auch ein anderes als das von AUSTIN gemeinte.

Auf Informationsversuche angewendet, können wir von Versagern reden, wenn keine Informationshandlung zustande kommt, oder wie wir sagen werden, wenn der Informationsversuch nicht erfolgreich ist. Die Mißbräuche von Informationsversuchen werden von uns als unaufrichtige Informationsversuche weiter unten analysiert. Unaufrichtige Informationsversuche können durchaus erfolgreich sein.

Es scheint mir offensichtlich, daß aus Sprecher-, Hörer- und Beobachterperspektive in unterschiedlichen Fällen von einem erfolgreichen Informationsversuch geredet werden wird. Da wir hier nur Informationsversuche aus Sprecherperspektive betrachtet haben, beschränken wir uns auch auf die Betrachtung von erfolgreichen Informationsversuchen aus Sprecherperspektive, ohne dies jedesmal zu erwähnen.

Im Falle eines erfolgreichen Informationsversuches können wir auch von einer erfolgreichen kommunikativen Handlung oder von einer Informationshandlung reden [4].

Aus der Definition der Informationsversuche ergibt sich in natürlicher Weise eine Definition für erfolgreiche Informationsversuche:

Definition: (erfolgreicher propositional hermeneutischer impliziter Informationsversuch)

IVpE(X, Y, f, M, [t1, t2]) =df $t3 $t4 IpE(X, f, Aip(Y, M, [t3, t4]), [t1, t2])

Definition: (erfolgreicher propositional formaler impliziter Informationsversuch)

IVpE(X, Y, f, M, [t1, t2]) =df $t3 $t4 IpE(X, f, Ais(Y, M, [t3, t4]), [t1, t2])

Definition: (erfolgreicher konklusiv formaler impliziter Informationsversuch)

IVsE(X, Y, f, M, [t1, t2]) =df $t3 $t4 IpE(X, f, Ais(Y, M, [t3, t4]), [t1, t2])

Man bemerke: Wenn ein Sprecher eine Äußerung macht und der Hörer zwar versteht, was der Sprecher meint, ihm aber nicht glaubt, weil er ihn zum Beispiel für einen Lügner hält oder es besser weiß oder auch einen ganz anderen Grund hat, ihm nicht zu glauben, dann liegt im hier definierten Sinne kein erfolgreicher Informationsversuch vor. Ein verstandener Informationsversuch ist noch kein erfolgreicher.

Anders wird der Erfolg bei MEGGLE bestimmt. Bei ihm ist ein Informationsversuch erfolgreich, wenn er verstanden worden ist [5]. Unsere Bestimmung entspricht eher den Erfolgsbedingungen bei ROLF [6].

Betrachten wir ein Beispiel von AUSTIN , das er in seiner Analyse von performativen Äußerungen verwendet, die mißglücken [7].

(B-13) (Georg, der Spielverderber)

Sie sind vor einem Spiel beim Wählen und sagen (f): "Ich wähle Georg". Georg mürrisch: "Ich spiele nicht mit". M sei hier "Georg ist gewählt worden".

Hier liegt ein Informationsversuch, wohl aber kein erfolgreicher Informationsversuch vor. Georg hat Sie wohl verstanden, akzeptiert aber nicht, daß er gewählt sei.

Im Sinne von MEGGLEs Bestimmung ist der Informationsversuch daher, wenn er denn einer ist, erfolgreich, bei uns dagegen nicht.

Folgerung: ⊢ IVpE(X, Y, f, M, [t1, t2]) É IVp(X, Y, f, M, [t1, t2])

Folgerung: ⊢ IVpE(X, Y, f, M, [t1, t2]) É IVp(X, Y, f, M, [t1, t2])

Folgerung: ⊢ IVsE(X, Y, f, M, [t1, t2]) É IVs(X, Y, f, M, [t1, t2])

Folgerung: ⊢ IVpE(X, Y, f, M, [t1, t2]) É T(X, f, [t1, t2])

Folgerung: ⊢ IVpE(X, Y, f, M, [t1, t2]) É T(X, f, [t1, t2])

Folgerung: ⊢ IVsE(X, Y, f, M, [t1, t2]) É T(X, f, [t1, t2])

Die letzten drei Folgerungen sind eine Interpretation der Forderung der Sprechakttheoretiker, daß der assertive Zweck eines assertiven Aktes (zu dem sie das Informieren zählen) sei, daß der Sprecher gesagt hat, wie es in einer bestimmten Angelegenheit ist [8].

Ein Problem bleibt bei der Betrachtung des Piano-Beispieles (B-3), selbst wenn man die Definitionen zur Hilfe nimmt. Zur Erinnerung: MEGGLE hat zur Begründung der Notwendigkeit der dritten Bedingung des GRICEschen Grundmodells für die Definition von Kommunikationsversuchen folgendes Beispiel in die Diskussion gebracht [9]:

(B-3) (Pianospiel)

S zieht seine Stirn in Falten, um seiner Frau (H) damit anzudeuten, daß ihm die Art, wie der Pianist das Fortissimo spielt, nicht gefällt.

Wir hatten bemerkt, daß hier ein Informationsversuch vorliegt, daß jedoch in dem Fall, in dem H zu dem Schluß, daß ihrem Mann dieses Spiel nicht gefällt, schon deshalb kommt, weil sie seine Stirn sieht, obwohl sie seine kommunikativen Absichten nicht durchschaut, schwer zu entscheiden ist, ob ein erfolgreicher Informationsversuch vorliegt.

Das Problem liegt hier im aufgrund-Junktor, der in der Erfolgsbedingung der Intention vorkommt. Können wir in diesem Fall sagen, daß H aufgrund des Tuns von S zu der Überzeugung kommt oder nicht? Eine präzisere Analyse des aufgrund-Junktors wird hier mehr Aufschluß geben. Erst dann werden wir auch klarer sehen, in welcher Hinsicht man hier von Erfolg reden kann und in welcher nicht.

SEARLE und VANDERVEKEN haben darauf aufmerksam gemacht, daß es eine Voraussetzung des Informierens ist, daß der Hörer nicht bereits weiß, was ihm übermittelt wird [10]. Wir hatten festgestellt, daß dies allenfalls für erfolgreiche Informationsversuche gilt und können diese Bedingung nun präzise formulieren.

Folgerung: ⊢ IVpE(X, Y, f, M, [t1, t2]) É $t3 $t4 (T(X, f, [t1, t2]) ® Aip(Y, M, [t3, t4]))

Folgerung: ⊢ IVpE(X, Y, f, M, [t1, t2]) É $t3 $t4 (T(X, f, [t1, t2]) ® Aip(Y, M, [t3, t4]))

Folgerung: ⊢ IVsE(X, Y, f, M, [t1, t2]) É $t3 $t4 (T(X, f, [t1, t2]) ® Ais(Y, M, [t3, t4]))

Die (zeitliche) Abhängigkeit der Akzeptation des Hörers steckt nun in den Eigenschaften des aufgrund-Junktors, den wir allerdings nicht genau genug analysiert haben, um hieraus weitere Theoreme abzuleiten.

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[1] AUSTIN, J. L.: Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words). Stuttgart 1989, 35-73
[2] AUSTIN, J. L.: Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words). Stuttgart 1989, 38
[3] AUSTIN, J. L.: Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words). Stuttgart 1989, 35
[4] vgl. ULKAN, M.: Zur Klassifikation von Sprechakten. Eine grundlagentheoretische Fallstudie. Tübingen 1992, 34
[5] MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 232
[6] ROLF, E.: Illokutionäre Kräfte. Grundbegriffe der Illokutionslogik. Opladen 1997, 19f.
[7] AUSTIN, J. L.: Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words). Stuttgart 1989, 48
[8] vgl. ROLF, E.: Illokutionäre Kräfte. Grundbegriffe der Illokutionslogik. Opladen 1997, 140
[9] MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 40
[10] SEARLE, J. R./VANDERVEKEN, D.: Foundations of Illocutionary Logic. Cambridge 1985, 185

 

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