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Uwe Wiedemann
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5.3  Denkbare Einwände gegen die Definitionen der Informationsversuche

5.3.1  GRICEs Grundmodell

Unsere Definitionen sind mögliche Interpretationen für die 1. Bedingung des GRICEschen Grundmodells [1], die in der Rekonstruktion durch MEGGLE für Informationsversuche besagt [2]:

S beabsichtigt mit seinem f-Tun zu erreichen, daß H glaubt, daß p.

GRICE hat in seinem Grundmodell zwei weitere Bedingungen formuliert und sie durch Beispiele gerechtfertigt. Eines dieser Beispiele ist folgendes [3]:

(B-5) (Mordindiz)

Ich (X) lasse Zs Taschentuch an einem Ort liegen, wo ein Mord begangen worden war (f), um den Detektiv (Y) so zu der Überzeugung zu bringen, daß Z der Mörder ist. M ist "Z war der Mörder".

In diesem Fall liegt nach unseren Definitionen ein Informationsversuch vor. Es ist aber die zweite Bedingung des GRICEschen Grundmodells [4] nicht erfüllt, die in der Rekonstruktion durch MEGGLE für Informationsversuche besagt [5]

X beabsichtigt mit f-Tun zu erreichen, daß Y erkennt, daß X mit seinem f-Tun zu erreichen beabsichtigt, daß Y M glaubt (akzeptiert).

Soweit, so gut. Klar und Konsens ist, daß im Beispiel die zweite Bedingung des GRICEschen Grundmodells nicht erfüllt ist. Doch was schließen wir daraus.

GRICE hat geschrieben, daß ich in diesem Beispiel mit dem Liegenlassen des Taschentuches nicht meine, daß Z der Mörder ist [6]. MEGGLE hat geschlossen, daß kein Kommunikationsversuch vorliegt [7]. Er unterscheidet bei Kommunikationsversuchen Informationsversuche und Aufforderungsversuche. Und ein Informationsversuch, da wird mir wohl jeder zustimmen, liegt hier durchaus vor, wenngleich er weder aufrichtig noch offen ist. Ob ich hier etwas meine, wie GRICE sagt, hängt in starkem Maße von der verwendeten Bedeutung des "Meinen" ab und ist abhängig von der verwendeten Bedeutung unterschiedlich zu beurteilen.

Das Beispiel ist also kein Beispiel für die Notwendigkeit der 2. Bedingung des GRICEschen Grundmodells, damit ein Informationsversuch vorliegt, sondern eines gegen die Notwendigkeit dieser Bedingung in diesem Zusammenhang, zumindest wenn wir uns in einer realistischen Welt und nicht im MEGGLEschen Paradies befinden.

Da wir nicht die 2. GRICEsche Bedingung für das Vorliegen eines Informationsversuches fordern, zieht auch BLACKs Beispiel vom zum Schweigen verurteilten Kandidaten nicht gegen unseren Ansatz [8].

(B-6) (GRICEianer im Rigorosum)

Ein Kandidat erwidert, als er im Rigorosum gefragt wird, daß er nicht in der Lage ist zu antworten. »Um es Ihnen zu sagen, müßte ich wollen, daß sie glauben, daß die Schlacht 1066 stattfand. Nun muß ich annehmen, daß Sie die Antwort bereits kennen. Es wäre absurd, wenn ich Sie dazu bringen wollte zu glauben, was Sie bereits wissen; und folglich ist es mir, als gutem GRICEianer, nicht möglich zu meinen, was ich Ihrer Erwartung nach mit meiner Antwort meinen sollte.«

Das Beispiel arbeitet nur, wenn man die 2. Bedingung des Grundmodells fordert. Dies machen wir aber gerade nicht.

Hat nun das Beispiel von GRICE für die 2. Bedingung seines Grundmodells selbst gerade diese Bedingung als Bedingung für Informationsversuche widerlegt, wollen wir uns eines seiner Beispiele für die 3. Bedingung seines Grundmodells [9] ansehen, die in der Rekonstruktion von MEGGLE für Informationsversuche besagt [10],

S glaubt, daß H aufgrund der Erkenntnis, daß S mit f-Tun zu erreichen beabsichtigt, daß H glaubt, daß p, glauben wird, daß p

(B-7) (Herodes und Salome)

Herodes überreicht Salome auf einer Schale das Haupt Johannes des Täufers [11]. Herodes beabsichtigt, bei Salome die Überzeugung hervorzurufen, daß Johannes der Täufer tot ist; und er beabsichtigt auch, daß Salome erkennt, daß er beabsichtigt, sie glauben zu machen, daß Johannes der Täufer tot ist.

Auch hier meint nach GRICE Herodes mit seinem Tun nichts und nach MEGGLE liegt hier kein Informationsversuch vor [12]. Dies ist für mich nicht nachvollziehbar. Natürlich handelt es sich hier um einen Informationsversuch, sogar um einen aufrichtigen und offenen in einem später zu präzisierenden Sinne. Wahrscheinlich ist der Informationsversuch sogar erfolgreich. Unsere Definition liefert ebenfalls das Ergebnis, daß hier ein Informationsversuch vorliegt.

Wir haben damit am eigenen Beispiel von GRICE gesehen, daß die dritte Bedingung des GRICEschen Grundmodelles für die Explikation von Informationsversuchen inadäquat ist und haben so en passant - wie die Schachspieler sagen - das Reflexionsproblem von vornherein vermieden.

Sehr ähnlich ist das Piano-Beispiel von MEGGLE, das seiner Meinung nach noch besser als die GRICEschen Beispiele die Notwendigkeit der 3. GRICEschen Bedingung zeigt [13].

In diesem Beispiel liegt ganz sicher ein Informationsversuch vor. Dies gilt selbst dann, wenn die dritte Bedingung des GRICEschen Grundmodells nicht erfüllt sein sollte. Davon unberührt bleibt das Problem, ob dieser Informationsversuch als erfolgreich betrachtet werden kann, wenn H zu dem Schluß kommt, daß ihrem Mann dieses Spiel nicht gefällt, weil sie seine Stirn sieht, obwohl sie seine kommunikativen Absichten nicht durchschaut. Wir handeln hier von Informationsversuchen und noch nicht von deren Erfolg.

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[1] GRICE, H. P.: Utterer's Meaning and Intentions. In: Studies in the Way of Words. Cambridge, Mass./London 1991, 92
[2] MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 22
[3] GRICE, H. P.: Meaning. In: Studies in the Way of Words. Cambridge, Mass./London 1991, 217
[4] GRICE, H. P.: Utterer's Meaning and Intentions. In: Studies in the Way of Words. Cambridge, Mass./London 1991, 92
[5] MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 22
[6] GRICE, H. P.: Meaning. In: Studies in the Way of Words. Cambridge, Mass./London 1991, 217
[7] MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 30
[8] BLACK, M.: Bedeutung und Intention. In: MEGGLE, G. (ed.): Handlung, Kommunikation und Bedeutung. Frankfurt a. M. 1993, 63
[9] GRICE, H. P.: Utterer's Meaning and Intentions. In: Studies in the Way of Words. Cambridge, Mass./London 1991, 92
[10] MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 22
[11] GRICE, H. P.: Meaning. In: Studies in the Way of Words. Cambridge, Mass./London 1991, 218
[12] MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 37
[13] MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 40

 

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