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Uwe Wiedemann
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4  Intentionale Handlung

4.1  Wollen

4.1.1  Explizites inneres Wollen

Wir werden analog zu STELZNERs Unterscheidung bei den Prädikaten der Akzeptationen das innere explizite Wollen (das Sich-gewiß-sein eines Wollens) und das äußere explizite Wollen (das Äußern eines Wollens) unterscheiden und hier das explizite innere Wollen betrachten.

Wir betreten damit - meines Wissens erstmalig - den Pfad, auch in der Wollenslogik die Verwechslung von Normalitätsforderungen an die Subjekte und von logischen Gesetzen zu überwinden.

Wir verwenden das Prädikat P(X, M, [t1, t2]) - wie bereits bei der Vorstellung der Grundprädikate gesagt - für das explizit innere Wollen, d. h. für das Sich-gewiß-sein eines Wollens. Dies ist hier analog zum Prädikat der expliziten inneren Akzeptation im dispositionellen Sinne und mit Realisierung gemeint.

Da das explizite innere Wollen eine Einstellung ist, nehmen wir folgendes Postulat an:

Postulat: ⊢ P(X, M, [t1, t2]) Ù t1 £ t3 £ t4 £ t2 £ P(X, M, [t3, t4])

Welche Eigenschaften gelten aber außerdem für unser Wollensprädikat?

Viele der in der Literatur akzeptierten Zusammenhänge lassen sich durch mein folgendes Beispiel zurückweisen.

(B-2) (Spaghetti)

Mir ist bekannt, daß jedesmal, wenn es Spaghetti mit Tomatensauce gibt (M), die Kinder ihr Hemd bekleckern (N). Ich will, daß es Spaghetti gibt (P(X, M, [t1, t2])). Ich will jedoch nicht, daß die Kinder das Hemd bekleckern (~P(X, N, [t1, t2])), wenngleich ich es in Kauf nehme.

Das Spaghetti-Beispiel spricht z. B. gegen das folgende Prinzip von MEGGLE [1] (hier zeitlich präzisiert): M É N ⊢ P(X, M, [t1, t2]) É P(X, N, [t1, t2]). Auch die Geschichte von Jones und Mary (B-1) [2] spricht gegen diese These. Wenn Jones mit Mary schläft, schläft er mit einer Prostituierten. Das heißt aber nicht (in einem expliziten Sinne), daß er, wenn er mit Mary schlafen will, auch mit einer Prostituierten schlafen will.

Die Wort-Umschreibung des Zusammenhangs läßt auch darauf schließen, daß MEGGLE eigentlich das Prinzip: Wenn ⊢ M É N, so ⊢ P(X, M, [t1, t2]) É P(X, N, [t1, t2]) akzeptieren will. Gegen dieses Prinzip spricht das Spaghetti-Beispiel nicht, obwohl ich auch diesen Zusammenhang für das explizite innere Wollen nicht anerkennen kann.

Aus dem Prinzip folgt nämlich: ⊢ M É M Ú N, so ⊢ P(X, M, [t1, t2]) É P(X, M Ú N, [t1, t2]) und da aber stets ⊢ M É M Ú N folgt, daß ⊢ P(X, M, [t1, t2]) É P(X, M Ú N, [t1, t2]). Da nun aber X eine Konstruktion wie M Ú N gar nicht bilden können muß und dies eine Konstruktion der Analysesprache ist, die in der Sprache des X gar nicht unbedingt vorkommt, ist diese Folgerung falsch. Damit gilt auch das genannte Prinzip nicht.

Ebensowenig haltbar ist die Abschwächung des oben genannten Zusammenhangs: M º N ⊢ P(X, M, [t1, t2]) º P(X, N, [t1, t2]). Das zeigt wiederum das Beispiel von Jones und Mary (B-1). Weiter gilt nicht: Wenn ⊢ M º N, so ⊢ P(X, M, [t1, t2]) º P(X, N, [t1, t2]), da in diesem Fall X vielleicht M in seiner Sprache formulieren kann, aber N in seiner Sprache gar nicht vorkommt.

Das Spaghetti-Beispiel widerspricht auch dem Prinzip bei MEGGLE [3] (hier zeitlich präzisiert), daß ⊢ P(X, M, [t1, t2]) Ù G(X, M É N, [t1, t2]) É P(X, N, [t1, t2]). Wenn ich will, daß die Kinder ihre Spaghetti bekommen und glaube, daß sie jedesmal, wenn es Spaghetti gibt, ihr Hemd bekleckern, dann will ich noch lange nicht, daß sie ihr Hemd bekleckern.

Das Prinzip wird wegen einer Äußerung von KANT in der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" nach KANT benannt. KANT hat geschrieben: "Wer den Zweck will, will (sofern die Vernunft auf seine Handlungen entscheidenden Einfluß hat) auch das dazu unentbehrlich notwendige Mittel, das in seiner Gewalt ist." [4]

Es fragt sich allerdings, ob KANT tatsächlich das genannte Prinzip im Auge hatte und ob zwischen KANTs "unentbehrlich notwendigem Mittel" und dem Zweck wirklich materiale Implikationen bestehen, oder ob er mit diesen Mitteln nicht eher logisch gültige Implikationen meint. Mit anderen Worten: es ist nicht ganz fair Kants Zweck-Mittel-Relation als eine materiale Implikation zu interpretieren [5].

Weiter gilt weder ⊢ P(X, M, [t1, t2]) º Ai(X, P(X, M, [t1, t2]), [t1, t2]) noch ⊢ P(X, M, [t1, t2]) º P(X, P(X, M, [t1, t2]), [t1, t2]), da X Sätze der Struktur P(X, M, [t1, t2]) nicht kennen muß.

Da X die Konstruktion ~M nicht bilden können muß, gilt auch nicht [6]: ⊢ P(X, M, [t1, t2]) É ~P(X, ~M, [t1, t2])

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[1] MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 120
[2] Am Ende der Arbeit findet sich ein Index der Beispiele.
[3] MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 120
[4] KANT, I.: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, B 44-45
[5] Aber auch bei Verwendung des später eingefährten aufgrund-Junktors (®) ergibt sich kein gültiges Prinzip, es gilt also auch nicht ⊢ P(X, M, [t1, t2]) Ù G(X, M ® N, [t1, t2]) É P(X, N, [t1, t2]), weil die Prämisse nicht sichert, daß X die Konklusion N bildet oder auch nur bilden kann.
[6] vgl. MEGGLE, G.: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin/New York 21997, 120

 

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