Coherence Theory

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  • Auswege aus Agrippas Trilemma

    Uwe Wiedemann
    (Universität Leipzig)

    AGRIPPA's Trilemma ist seit mehr als 2000 Jahren eines der beunruhigendsten Argumente in der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, da es jegliche begründete Überzeugung in Frage stellt.

    In moderner Formulierung läßt sich das Trilemma wie folgt formulieren:

    Der Regreß der epistemischen Rechtfertigung muß in

    1. ungerechtfertigten Voraussetzungen enden (Abbruch des Verfahrens),
    2. bis ins unendliche gehen (unendlicher Regreß) oder
    3. in einem Zirkel landen (logischer Zirkel).

    Alle drei Argumente finden sich bereits bei ARISTOTELES. Er plädiert für einen Abbruch des Verfahrens bei den Definitionen und den Seinsvoraussetzungen sowie bei den Prinzipien der Kontradiktion und des ausgeschlossenen Dritten [1]. SEXTUS EMPIRICUS [2] und DIOGENES LAËRTES [3] überliefern fünf Tropen der Zurückhaltung. Letzterer führt sie auf AGRIPPA zurück. Jeder Teil des Trilemmas findet sich in diesen Tropen als eigener Tropus (Tropus der Voraussetzung, Tropus des unendlichen Regresses, Tropus der Diallele). Die Argumente bekommen in diesen Tropen eine skeptische Wendung. Alle drei Wege sind nicht gangbar, daher sollen wir uns - so die antiken Skeptiker - zurückhalten.

    Im Anschluß an die fünf Tropen des AGRIPPA überliefert SEXTUS EMPIRICUS zwei weitere Tropen. Diese beiden Tropen können als erste Formulierung der Argumente als Trilemma gelten. Den Ursprung dieser beiden Tropen kennen wir leider nicht. SEXTUS EMPIRICUS verweist lediglich auf die jüngeren Skeptiker [4].

    Ich werde das Trilemma diskutieren und einige Möglichkeiten des Ausweges aufzeigen.

    Prinzipiell läßt sich bei der Kritik eines solchen Trilemmas auf verschiedene Weise vorgehen:

    Man kann

    1. zeigen, dass einer der drei Wege oder eine Mischung aus diesen Wegen gar nicht so problematisch ist, wie es scheint, d. h. gar nicht in den Abgrund führt, oder aber
    2. dass das Trilemma Präsuppositionen nutzt, die wir nicht teilen müssen, oder um in unserer Weg-Metapher zu bleiben, dass es weitere Wege gibt, die uns am Abgrund vorbeiführen.

    Es sind also zwei Fragen zu beantworten:

    1. Führen die Wege des Trilemmas in den Abgrund?
    2. Müssen wir diesen Wegen folgen?

    1 Führen die Wege des Trilemmas in den Abgrund?

    Die prominenteste Antwort auf die Frage, ob die Wege des Trilemmas in den Abgrund führen, ist der erkenntnistheoretische Fundamentalismus. Dieser nutzt das Tropus der Voraussetzung. Er behauptet, dass wir im Rechtfertigungsregreß auf Überzeugungen stoßen, die nicht durch weitere Überzeugungen, sondern durch andere Entitäten, z. B. Beobachtungen, gerechtfertigt sind. Daher breche der Regreß ab.

    Wir haben es beim erkenntnistheoretischen Fundamentalismus mit einer Variante des Tropos der Voraussetzung zu tun, die gut entwickelt ist. Sie führt aber zu zahlreichen Schwierigkeiten. Daher wurde immer wieder bezweifelt, dass diese Position eine Lösung des Puzzles darstellt.

    Mit der fundamentalistischen Position sind Common-sense-Ansätze eng verwandt. Vertreter solcher Ansätze sind WITTGENSTEIN und AUSTIN. Sie versuchen zu zeigen, dass wir im Rechtfertigungsregreß bei Überzeugungen landen, für die die Frage nach der Rechtfertigung nicht entsteht bzw. sinnlos ist.

    Derartige Ansätze werfen die Frage auf, wie wir nicht zu rechtfertigende Überzeugungen zumindest implizit identifizieren können. Gibt es dafür ein Kriterium und kann man es begründen, kommen wir doch zu einer Rechtfertigung dieser Überzeugungen. Die Frage nach der Rechtfertigung war dann möglich und nicht sinnlos, der Regreß geht weiter. Gibt es kein solches Kriterium, sind wir in einer mißlichen Lage.

    Eine dritte Version dem Tropus der Voraussetzung zu folgen, ist die Position des AGRIPPA und der anderen Skeptiker. Sie sagen, der Weg führt in den Angrund, also bewegen wir uns nicht, d. h. also ist es überflüssig nach Rechtfertigungen zu suchen. Der skeptische Weg ist derart unbefriedigend, dass zurecht immer wieder verlangt wird, die skeptische Position nur zu akzeptieren, wenn es keinen anderen Ausweg gibt.

    Soweit zur Frage, ob der Tropus der Voraussetzung in den Abgrund führt. Betrachten wir nun die beiden weniger untersuchten Wege.

    Auch den Tropus des unendlichen Regresses haben die Skeptiker genutzt, um sich zu weigern nach Rechtfertigungen zu suchen.

    Bei der Diskussion von AGRIPPA's Trilemma wird die Untersuchung des unendlichen Regresses gewöhnlich vorschnell abgebrochen. Man gelangt selten über das Gegenargument des ARISTOTELES hinaus, dass man das Unendliche nicht durchgehen kann [5].

    BONJOUR ergänzt das Argument des ARISTOTELES ein wenig und schreibt, dass der unendliche Regreß dazu führt, dass das aktuale Erkenntnissubjekt eine unendliche Zahl von Überzeugungen benötigt, was praktisch unmöglich sei, da die mentale Kapazität und das Gehirn begrenzt sind [6].

    ARISTOTELES und BONJOUR können ihre Argumente gegen das Tropus des unendlichen Regresses nur benutzen, wenn sie den unendlichen Regreß als aktual unendlichen Regreß lesen. Wenn wir ähnlich dem Prinzip der vollständigen Induktion zeigen können, wie bis ins Unendliche eine Überzeugung durch eine andere gerechtfertigt wird, halten die Argumente nicht.

    Naheliegender ist es jedoch von einem potentiell unendlichen Regreß auszugehen. Nehmen wir an, dass wir auf dem Wege des unendlichen Regresses dem Ziel der Rechtfertigung immer näher kommen, ohne es jedoch je zu erreichen, haben wir eine Variante des Tropus des unendlichen Regresses, deren Widerlegung aus meiner Sicht noch aussteht. Der Weg des unendlichen Regresses führt also vielleicht gar nicht in den Abgrund.

    Solange wir keine ausgebaute Rechtfertigungstheorie des unendlichen Regresses haben, kann das Tropus des unendlichen Regresses nicht als gescheitert gelten.

    Lehnt man den Tropus der Voraussetzung und den Tropus des unendlichen Regresses ab, bleibt der Tropus der Diallele als Grundlage der Erkenntnistheorie.

    Diese Position ist - so BONJOUR - die Position der Kohärenztheorie der Rechtfertigung [7]. Ich halte die Zuordnung dieses Tropus zur Kohärenztheorie für voreilig, wenn nicht gar falsch.

    Die Kohärenztheorie ist keineswegs auf den Tropus der Diallele festgelegt. Sie gibt vielmehr eine zentrale Präsupposition von AGRIPPA's Trilemma auf. Ich werde daher bei der Diskussion der Präsuppositionen von AGRIPPA's Trilemma auf die Kohärenztheorie zurückkommen.

    ARISTOTELES lehnt Ansätze ab, die die Zirkularität der Rechtfertigung unterstellen. Er schreibt:

    "Dass man unmöglich zirkulär schlechthin beweisen kann, ist klar, wenn anders der Beweis zu früheren und bekannteren Prämissen hervorgehen muß; denn unmöglich kann dasselbe in bezug auf dasselbe zugleich früher und später sein ..." [8]

    Der zirkuläre Beweis - so ARISTOTELES weiter - besagt nur, dass etwas ist, wenn es ist. Wenn dies aber als Beweis ausreicht, läßt sich beliebiges beweisen [9].

    Ich sehe bisher keinen Ansatz, den Tropus der Diallele ernst zu nehmen, ohne Präsuppositionen von AGRIPPA's Trilemma aufzugeben.

    Auf der Suche nach einem solchen Ansatz sollte man aber berücksichtigen, dass eine zirkuläre Rechtfertigung nur weniger Überzeugungen genügt. Der Rest kann dann aus diesen Überzeugungen linear gerechtfertigt werden. Von dieser Position scheinen insbesondere die antiken Vertreter der Zirkularität ausgegangen zu sein [10].

    2 Müssen wir den Wegen des Trilemmas folgen?

    Nachdem wir untersucht haben, ob die Wege des Trilemmas wirklich in den Abgrund führen müssen, wollen wir nun nach weiteren Auswegen suchen.

    Wohl der bedeutendste Ansatz, die Präsuppositionen des Trilemmas aufzugeben, ist die Kohärenztheorie der Rechtfertigung. Die Grundthese dieser Theorie ist: Die Rechtfertigung einer Überzeugung ergibt sich nicht aus der Rechtfertigung einer anderen Überzeugung, sondern aus der Rechtfertigung eines Überzeugungssystems als ganzes.

    Kohärenztheoretiker betrachten Überzeugungssysteme, die gewisse Eigenschaften haben, die dazu führen, dass wir von den einzelnen Überzeugungen in dem System sagen können, dass sie gerechtfertigt sind.

    Die Eigenschaft von Systemen, die die Rechtfertigung der einzelnen Überzeugungen gewährleistet, bezeichnen die Kohärenztheoretiker als systemische oder systematische Kohärenz.

    Es ist keinesfalls sicher, dass aus Sicht der Kohärenztheorie nur solche Theorien gerechtfertigt sind, in denen Zirkel oder kompliziertere Zyklen vorkommen. Daher ist die verbreitete Zuordnung der Kohärenztheorie der Rechtfertigung zum Tropus der Diallele voreilig. Die Aufgabe der Präsupposition, dass Überzeugungen durch andere Überzeugungen gerechtfertigt werden, ist nicht an das Tropus der Diallele gebunden.

    Es kann durchaus sein, dass wir in einem engmaschigen Netz von Rechtfertigungen immer wieder auf dieselben zu rechtfertigenden Überzeugungen kommen und trotzdem zirkelfrei bleiben. In diesem Fall können wir es mit hochkohärenten Systemen zu tun haben. Trotzdem enden die Rechtfertigungsstrukturen in Grundüberzeugungen, die allerdings nicht ungerechtfertigt sind, sondern durch ihre Erklärungsleistung, d. h. durch ihre Stellung im Überzeugungssystem, gerechtfertigt werden.

    Ich sehe keinen Grund diesen Fall aus der Kohärenztheorie auszuschließen. Es handelt sich um genau diese Variante, wenn wir eine Theorie auf Axiome bzw. Grundprinzipien zurückführen. Wir haben hier ein Beispiel für eine kohärenztheoretische Version des Tropus der Voraussetzung.

    Auch der Tropus des unendlichen Regresses begegnet uns in der Kohärenztheorie, und zwar in Form von Kohärenztheorien die meinen, Kohärenz führe in langer Zeit immer näher an die Wahrheit heran. Auch hier kann sich die systematische Kohärenz aus vielen Rechtfertigungsketten, die miteinander verwoben sind, ergeben.

    Die Kohärenztheorie zeigt damit, dass keiner der Wege des Trilemmas verhängnisvoll sein muss, wenn wir die Präsupposition aufgeben, dass Überzeugungen durch andere Überzeugungen gerechtfertigt werden. Mithin könnte es die Kohärenztheorie der Rechtfertigung sein, die die Rechtfertigung an den Abgründen von AGRIPPA's Trilemma vorbeiführt.

    Außerdem muß die Rechtfertigung eines Überzeugungssystem nicht zwingend an die lokalen Rechtfertigungsstrukturen gebunden sein. Weitere Argumente für die Rechtfertigung eines Überzeugungssystems sind Einfachheit, Gesamtzusammenhang, Reichweite u. ä. Solche Eigenschaften von Überzeugungssystemen lassen sich mit der Hypergraphentheorie, eine Verallgemeinerung der Graphentheorie, präzise formulieren und untersuchen.

    Eine weitere Präsupposition von AGRIPPA's Trilemma ist es, dass Erklärungen nur in eine Richtung rechtfertigend wirken. Wir können diese Präsupposition aufgeben, indem wir annehmen, dass eine Erklärung sowohl für das Explanandum als auch für das Explanans rechtfertigend wirken kann. Dann haben wir es bei jeder solchen Erklärung mit einem Zirkel zu tun. Die Aufgabe der Präsupposition ist gut mit der Kohärenztheorie verträglich. Es ist jedoch nicht sicher, dass die Kohärenztheorie die einzige sinnvolle Variante ist, diese Präsupposition aufzugeben.

    Häufig hat man den Eindruck, dass bei der Diskussion von AGRIPPA's Trilemma stets eine sehr einfache Struktur der Erklärung präsupponiert wird. Lediglich eine Überzeugung scheint jeweils zum Explanans zu gehören. Die Aufgabe dieser Präposition führt jedoch - nach meiner Einsicht - nicht zu weiteren Ansätzen dem Trilemma auszuweichen, sondern nur zu leicht variierten Formulierungen des Trilemmas. Allerdings sollte man sich dieser Präsupposition bei der Diskussion des Trilemmas bewußt sein. Für die Diskussion von Einfachheit und Zusammenhang von Überzeugungssystemen ist diese Präsupposition ohnehin aufzugeben.

    Schon ARISTOTELES hat darauf hingewiesen, dass der unendliche Regreß voraussetzt, dass der (deduktive) Beweis die einzige Form des Wissens ist [11]. ARISTOTELES denkt vor allem an die ersten Prinzipien, die nicht durch Beweis gerechtfertigt werden. Aber es gibt andere Formen der Rechtfertigung. So spielen neben Deduktionen (und Erklärungen) auch Inkonsistenzen oder Einwände sowie konkurrierende Überzeugungssysteme eine große Rolle. Das Trilemma läßt dies unberücksichtigt. Wir haben es hier also mit einer weiteren Präsupposition zu tun.

    Möglicherweise erhalten wir bei der Berücksichtigung von Inkonsistenzen Startpunkte für Rechtfertigungen, die wir brauchen, um den Skeptikern zu entkommen. Die entsprechenden Verfahren wären Analogien des indirekten Beweisens.

    Wir haben gesehen, dass uns mehrere Wege offenstehen, den Abgründen des Trilemmas zu entkommen. Zum einen ist es keinesfalls so klar, wie es manchmal scheint, dass der unendliche Regreß in den Abgrund führt. Außerdem sahen wir vier Präsuppositionen des Trilemmas, deren Aufgabe uns weitere Möglichkeiten der Rechtfertigungstheorie eröffnet.

    Das Trilemma führt also weder zwingend in den Abgrund noch gibt es keine anderen Wege. Gehen wir also mit Optimismus in das 21. Jahrhundert, was die Widerlegung des Skeptizismus betrifft.


    [1] Aristoteles: Analytica posteriora I 2, 72a 15 - 25
    [2] Sextus Empiricus: Grundriß der pyrrhonischen Skepsis. I 164 - 177
    [3] Diogenes Laërtios IX 88f.
    [4] Sextus Empiricus: Grundriß der pyrrhonischen Skepsis. I 178 f.
    [5] Aristoteles: Analytica posteriora I 3 72 b 10 - 11
    [6] BonJour, L.: The Structure of Empirical Knowledge. Cambridge, Mass./London 1985, 24
    [7] BonJour, L.: The Structure of Empirical Knowledge. Cambridge, Mass./London 1985, 24
    [8] Aristoteles: Analytica posteriora I 3, 72 b 25 - 29
    [9] Aristoteles: Analytica posteriora I 3, 72 b 32 - 35
    [10] vgl. Smith, R.: Aristotle as Proof Theorist. Philosophia Naturalis (1984) 21, 590f.
    [11] Aristoteles: Analytica posteriora I 3, 72 b 5 - 18